Samstag, 24. November 2007
Näh, Eishockey find’ ich scheiße!
Stimmt gar nicht, aber da sich dieser Eintrag gleich aufs Eis begibt, habe ich das Zitat aus einem Kalkofe-Geniestreich (bitteschön: http://www.youtube.com/watch?v=W2aKiiW9SvI) als Aufhänger genommen.

Nachdem ich hier bereits Rugby und Fußball zweiter Klasse sehen konnte, kam ich von 2 Wochen in den Genuss erstklassigen Eishockeys – Coventry Blaze sind nämlich das Maß aller Dinge in Großbritannien… was auch immer das heißen mag. 3 meiner Mitstudenten spielen für Blaze und hatten mich mit einer Freikarte für das Topspiel gegen den härtesten Kontrahenten, die Newcastle Vipers, versorgt.

Vorfreude war durchaus vorhanden, da die 3 am Freitag vor dem Spiel erzählt hatten, dass man mit den Nordengländern schon seit langem in Clinch liege und noch einige Rechnungen zu begleichen wären. Ohnehin seien die Vipers allesamt M****s. Wer die Sterne korrekt gezählt hat und in Sachen Kombinatorik einigermaßen begabt ist wird feststellen, dass es sich hierbei nicht um das sexistische Wort handelt, sondern um das Down-Syndrom-verunglimpfende. Die Political Correctness würde also definitiv vor der Eishalle warten müssen!
Kurz vor Anpfiff erreichte ich den SkyDome, in dem die Heimspiele von Blaze stattfinden.
Vor dem Spiel
Meine geballte Eishockeyerfahrung beschränkt sich auf ein Pokalspiel zwischen Freiburg und Iserlohn vor über 10 Jahren. Was mir davon noch in Erinnerung geblieben ist, wurde im Dome umgehend bestätigt: An die dichte Atmosphäre in unmittelbarer Nähe der Spielfläche kommt wohl kaum ein Fußballstadion heran. Die Dimension der Halle potenziert jeden Stimmungsausbruch zum Hexenkessel. Direkt neben dem Vipers-Block saß ich sozusagen im Kreuzfeuer. Beim Einlaufen der Mannschaften kochte die Halle. Um den Temperaturen gerecht zu werden, hatten sich die Spieler für die Partie offensichtlich nicht nur warm, sondern heiß gemacht: Nach genau 4 Sekunden im ersten Drittel (ja, die Uhr zeigte tatsächlich 00:04!) flogen unvermittelt Handschuhe und Helme auf das Eis und es setzte erstmal ein paar Hiebe. Das war eine der offenen Rechnungen…
Das erste Drittel verlief torlos. In der Pause blieb es den Maskottchen der Mannschaften vorbehalten, den Puck beim Penalty-Shootout erstmals einzunetzen.

Im zweiten Drittel erzielte Coventry endlich das 1:0, verpasste es aber im Anschluss trotz Überzahl, den Vorsprung auszubauen. Was dann folgte, zieht sich wohl durch alle Sportarten: Wer seine Chancen nicht nutzt, wird bestraft – die Vipers erzielten kurz nach dem Ausgleichstreffer ein weiteres Tor, das letztendlich der Siegtreffer werden sollte. Es war nicht der Tag der Blaze, die somit auf Platz 2 in der Tabelle zurückfielen.
Allerdings ist Eishockey wesentlich schnelllebiger: Die Jungs spielen samstags und sonntags, ab und zu auch mittwochs. Bereits eine Woche später ging es zur Revanche nach Newcastle, und die Vipers wurden vernichtend mit 6:2 geschlagen. Auf dem Eis wird eben nicht lange gefackelt!

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Samstag, 3. November 2007
Männer ohne Hals
Ein neuer Blogeintrag ist schon lange überfällig – allerdings war ich in der letzten Zeit mit dem Schreiben weniger spannender Texte beschäftigt. Daher gibt es heute einen Bericht, den ich schon vor längerem begonnen, aber nicht zu Ende geschrieben hatte.
Vor nun schon 5 Wochen haben wir uns zum ersten Mal ein Rugby-Spiel live angesehen. Das bot sich an, da das Stadion, die „Butts Park Arena“, nur wenige Minuten zu Fuß von unserer Wohnung entfernt auf dem täglichen Weg zur Uni liegt.
Um den Traditionsverein Coventry Rugby Football Club stand es zum Zeitpunkt unseres Besuchs nicht so gut: Sieglos rangierte „Cov“ am unteren Tabellenende der National Division 1, also der zweiten Liga. Der Gegner, die Rotherham Titans reiste als klarer Favorit aus Yorkshire an. Wir nahmen unsere Plätze auf der Tribüne ein und warteten gespannt auf den Einmarsch der Gladiatoren. Dieser wurde übrigens von „Sweet child o’ mine“ begleitet, was sehr zu meiner Integration als Neu-Fan beitrug.
Nachdem beide Mannschaften auf dem Platz standen, war die Balladenstimmung von Guns n’ Roses schnell dahin. Nun wirkten rohe Kräfte, und zwar zum Greifen nahe.


Rudelbildung

Coventry erwischte den besseren Start und erzielte einen Try. Die folgende Conversion verwandelte der Kicker sicher zum 7:0 – und wer bei den letzen beiden Sätzen nur „Bahnhof“ verstanden hat, dem lege ich http://de.wikipedia.org/wiki/Rugby ans Herz. Hat mir auch geholfen. Was ich aber noch viel verwunderlicher fand als die Tatsache, dass ein Spieler, der die gelbe Karte sieht, vom Platz gehen muss, war die „Tormusik“ von Cov: „I like to move it“ von Reel 2 Real feat. Mad Stuntman – Bravo Hits 7 lässt grüßen!
Zur Pause stand es nach Punkten 17:4 für Coventry, 2:2 war die Zwischenbilanz der verletzungsbedingten Auswechslungen. Überhaupt verrichteten die Physiotherapeuten der Mannschaften einen harten Job: Im Gegensatz zum Fußball, wo verletzte Spieler erst bei Spielunterbrechungen behandelt werden dürfen, sprinteten die Rugby-Physios im Stil von Kriegsberichterstattern unter Einsatz ihres Lebens durch das laufende Spiel.


1: Verletzter Spieler (liegend)
2: Todesmutiger Physio (sprintend)
3: Erdrutschartiger Konter (rasend)

Im Laufe der zweiten Halbzeit trudelten die verletzten Spieler wieder ein. An Krücken oder mal schnell genäht – man war offensichtlich auf den Fall der Fälle vorbereitet. Es hätte mich nicht weiter erstaunt, wenn der ein oder andere Bandagierte wieder eingewechselt worden wäre.
Auf dem Feld stemmten sich die Covs mit aller Macht gegen die stärker aufspielenden Titans. Schließlich sahen sie ein, dass sie das Spiel ohne mich nicht gewinnen würden: Ich durfte mitspielen! Ein zu weit ins aus gekickter Ball flog schnurstracks auf unsere Tribünenplätze zu. Instinktiv stand ich auf und fing den Ball sicher vor der Brust. Für eine Sekunde schien die Zeit stehen zu bleiben, meine Optik schaltete auf Tunnelblick und mein Gehör blendete jegliche Umgebungsgeräusche aus. Dann blieben zwei denkbare Varianten aus: Weder wurde ich postwendend von Talentspähern umworben, die sich meine Fangkünste sichern wollten, noch wurde ich unter einem Pulk von Gigantenleibern begraben. Vielleicht in beiden Fällen besser so. Ich warf den Ball zurück. Sollten die Kolosse sich drum prügeln.
Die Rolle des Matchwinners war also noch zu vergeben. Sie kam schließlich Kurt Johnson zu, einem Nationalspieler in den Reihen von Coventry. Johnson spielt übrigens für Barbados. (Aha!) Durch 2 Tries sicherte er den 29:10 Sieg. Die Lazarettwertung ging allerdings an Rotherham: Sie tackleten 4 Heimspieler vom Platz, Coventry konnte nicht mehr nachlegen.

Fazit:
Das Spiel war beste Unterhaltung. Da ich zahlreiche Spiele der zu der Zeit noch laufenden Rugby-WM verfolgte, war eine Live-Partie eine sehr interessante Abwechslung. Selbst würde ich mich eher nicht in das Getümmel stürzen wollen, auch wenn ich durchaus eine geeignete Position für mich ausmachen konnte: Full Back, das könnte was für mich sein – weit geschlagene Bälle abfangen und durchgebrochene gegnerische Spieler umnieten… das liest sich fast wie meine Jobbeschreibung beim Fußball. Als Kicker für Penalties und Conversions könnte ich außerdem meine Fußballerfahrung einbringen. Man mag über meine fußballerischen Künste denken was man will – aber „hoch und weit“ konnte ich immer gut!!!

Bei meiner Freundin ist der Funke dafür voll übergesprungen: Sie war letzte Woche bereits im Rugby-Training und wird vermutlich schon bald ihr Debüt für die Damen-Rugbymannschaft der Uni geben. Nur um Missverständnisse zu vermeiden – ich habe mir hier keine 100 kg-Engländerin angelacht, wir sprechen natürlich von der gleichen Freundin, mit der ich nach Coventry gefahren bin:
Nämlich der, die kaum größer ist als eine (englische) Chipstüte.


Ines: Kaum größer als eine Chipstüte


Demnächst auf dieser Seite:

- Ines debütiert für das Coventry University Womens Rugby Team
- Tommies vs. Krauts: Schalkes Gastspiel in Chelsea
- Dinge, die ich nach meiner Rückkehr importieren muss, Teil II

Ihr seht, einiges „am Planen dran“. Der nächste Bericht wird hoffentlich nicht so lange auf sich warten lassen…

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Mittwoch, 3. Oktober 2007
Unter englischen Dächern
So, Ihr verwöhnten (West-)Deutschen, hier ist sie: Unsere Wohnung.
Früher als geplant sind wir bereits am dritten Tag in England aus der provisorischen WG in unsere Wohnung im Nachbarhaus gezogen. Gleich nach der Ankunft am Samstag konnten wir einen kurzen Blick in unser jetziges Zuhause werfen und waren recht angetan. Wohlgemerkt: Wir hatten unsere Erwartungen weit heruntergeschraubt. Ich habe ja schon ein wenig England-Erfahrung…

Unsere neuen 4 Wände bestehen aus Bad, Wohn-/Esszimmer, Küche, Bad, Abstellraum und einem Schlafzimmer, welches sich im oberen Stockwerk befindet. Ganz nebenbei kommen wir auch noch in den Genuss, in einem denkmalgeschützten Gebäude zu wohnen, daher wohl auch die eigenartige Aufteilung. Außer unserer sind in dem Komplex noch zwei weitere Wohnungen, die sich ebenfalls auf 2 Stockwerke verteilen.
Und nun: Herzlich Willkommen in unserer Studentenbude!


Das Badezimmer

Den Lacher kriegt ihr gleich am Anfang serviert, eindeutig ein Fall für das Mietergenesungswerk! Unser Bad würde sich in jeder Moskauer Plattenbausiedlung gut machen. Hellblau und abgewetzt. Fließendes Wasser, kalt und warm (je nach Jahreszeit). Man sah mich schon heißes Wasser für die Morgenrasur vom Wasserkocher holen – fast täglich, um genau zu sein. Die Badewanne rostet munter vor sich hin. Bei derlei Pracht sieht man schon mal über Schönheitsfehler wie den schiefen Duschvorhang hinweg. Kurz: Wir sind beide sehr glücklich darüber, über eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio zu verfügen und nutzen die dortigen sanitären Anlagen ausgiebig. Das bringt außerdem einen Zusatznutzen – die Wasserrechnung bleibt niedrig!
Der Vermieter sprach von einer bevorstehenden Renovierung, er sei quasi „alles schon am Planen dran“. Als Zweckpessimist werde ich mich darauf natürlich nicht verlassen. Wir haben uns mit dem Status Quo arrangieren können, denn dank 1 l Sagrotan ist der Raum zumindest keimfrei, und das ist doch auch schon mal was.


Die Küche

An der Küche gab es nichts auszusetzen, dennoch wurde sie einer Sagrotanbehandlung unterzogen. Die Ausstattung ist top: Gasherd und –ofen, Kühlschrank, Gefrierschrank, Waschmaschine, Mikrowelle, Toaster, Wasserkocher. Besteck, Geschirr und Töpfe/Pfannen waren ebenfalls vorhanden. Nachdem der hygienische Zustand von Raum und Inventar nun einwandfrei ist (und damit meine ich auch eine Zwischen-den-Forken-Reinigung der Gabeln!), können wir auch hier bedenkenlos das Beste zubereiten, was britische Lebensmittel hergeben.


Das Wohn-/Esszimmer

Eindeutig die Perle unserer Wohnung! Wände und Boden sind komplett neu, das Mobiliar umfasst einen Schreibtisch, Esstisch und eine schwere Ledercouch mit Beistelltisch. Von dem Sofa werden wir uns laut Vermieter bald trennen müssen, dafür kriegen wir eine Schlafcouch – und dann wollen wir mal sehen, wie viele von Euch Ihre Drohung wahr machen und uns einen Besuch abstatten! Das heißt: Falls ihr Euch durch das Bad nicht abschrecken lasst…
Wir haben sogar ein TV mit Videorecorder!

Die Abstellkammer
… grenzt an das Wohnzimmer an. Noch nie konnte ich Ines einen Wunsch so einfach erfüllen: Sie wollte „schon immer“ eine Wohnung mit Abstellkammer! Gut für mich. Hier können wir Vorräte deponieren und jeglichen Kram… äh, ja… abstellen eben! Ach ja: Die Ähnlichkeit mit meinem Zimmer damals in Cambridge ist verblüffend! Vielleicht werden wir die 2 m² an einen Studenten untervermieten.


Das Schlafzimmer

Auf der gut 70° steilen Treppe wurde liebevoll ein Teppich verlegt, der vermutlich aus dem Nachlass des Schah von Persien stammt. Jeder Allergiker würde allein beim Anblick dessen spontan die weiße Fahne schwenken.
Wer jetzt noch ohne Niesattacke ist, der trete ein in die Schlafgemächer: Auch hier liegt der Schmuddelperser. Schade, das das Laminat aus dem Erdgeschoss anscheinend nicht für die ganze Wohnung gereicht hat. Jenseits der neuen Schrankwand und der Kommoden mit großen Spiegeln hat der Raum dennoch einen entscheidenden Nachteil: Sein Gravitätszentrum liegt zweifellos in der Raummitte. Würde man in jeder Ecke des Raumes eine Flasche Wasser ausgießen, dann würden die 4 Pfützen sich schnell zu einer einzigen großen in der Mitte des Raumes verbinden. Vielleicht sollte ich in den Baumarkt gehen, um Zement und eine Wasserwaage zu besorgen…
Ach ja, und unser Bett war eher eine Hängematte. Wir haben aber beim Vermieter ausreichend darüber gejammert, dass wir Rücken haben. So konnten wir immerhin die Matratze des WG-Betts aus dem Nachbarhaus klauen. ;-)

Falls sich jemand fragen sollte, wieso wir trotz des „kleinen Wermutstropfens Badezimmer“ hier eingezogen sind, hier die Top 6 Argumente:
1) Sichere Gegend
2) Ruhige Wohnlage
3) Wir sind in 20 min zu Fuß an der Uni
4) Vertretbarer Mietpreis
5) Parkplatz vor der Tür
6) Tatsache (!): Für englische Studentenverhältnisse ist die Wohnung echt gut!

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